Die Welt von morgen ist die von gestern, nur schlimmer... Betrachtungen eines Nörglers | Europa nach Corona | 28.5.2020

Text von: Jürgen Ritte
elit Literaturhaus Europa ladet europäische Autorinnen und Autoren dazu ein, diesen Blick unter dem Eindruck der Krise zu wagen. Diese Texte erscheinen ab 23. April 2020 wöchtentlich hier:

Neben den Diskussionen über die aktuelle Krisenbewältigung rückt dabei langsam die Frage in das Blickfeld, wie Europa nach den Corona-Zeiten aussehen wird. Wie wird es um die europäische Integration stehen, wie um die Idee einer Solidargemeinschaft und die Vorstellung einer gemeinsamen Kultur?


Die Welt von morgen ist die von gestern, nur schlimmer...
Betrachtungen eines Nörglers

von Jürgen Ritte, Paris

Ich bin geborener Rheinländer, genauer gesagt : Kölner, und gelernter Franzose, genauer : Pariser. Und ich habe entfernt italienische Vorfahren. Aus Lucca. In jedem Falle bin ich Städter, überzeugter Städter – und Europäer, oder vielleicht eher das, was wir nach der Krise einen  Lateineuropäer nennen werden. Ich gehöre zu den urbanen Menschen, die sich unter Menschen wohlfühlen, möglichst verschiedenen und immer wieder anderen. Ich gehöre auch zu den altmodischen Zeitgenossen, die allen, auch wildfremden Menschen, einen guten Tag oder einen guten Abend wünschen, wenn sie ein Geschäft betreten oder ein Büro. Oder morgens im Hotel den Speisesaal. Oder auf einer Wanderung jemandem begegnen. Oder Platz nehmen im Großraumwagen. Ich gehöre zu denen, die andern die Hand geben zur Begrüßung oder, à la française, links und rechts auf die Wangen küssen, wenn man sich ein  wenig kennt.

All das kann ich zur Zeit nicht mehr oder nur noch eingeschränkt. Aber schon lange bevor wir wussten, wie man Corona oder Covid-19 buchstabiert, gab es immer weniger Menschen, die meinen Gruß erwiderten. Viele, oftmals jüngere Menschen, oftmals wohl nördlich der Alpen und östlich des Rheins geboren, schienen sich gar belästigt zu fühlen, wenn ein älterer Herr sie kurz grüßte, während er sich im Flugzeug auf den Platz neben sie zwängen musste. Sie starrten auf ihre Handys, hatten ihre Ohren verstöpselt, schaufelten irgendeine in der Regel übel riechende Junkfood in sich hinein, nuckelten an Wasserflaschen. Sie lebten und bewegten sich bereits in einer Blase. Selbstgenügsame Monaden, Nomaden, denen die virtuelle und digitalisierte Welt allemal angenehmer war als die reale, und die allen sozialen Kontakt zunehmend als Aggression empfanden. Weswegen sie eben nicht ins Geschäft gingen, wo man die Verkäuferin noch grüßen muss, sondern lieber on-line shoppen. Bei Amazon. Und so das Ausstreben der Städte beschleunigen, die sie ohnehin nur als Kulisse fürs Joggen oder Aperol Spritz in den Ferien wahrnehmen.

Kurz : Mein Leiden begann schon lange vor dem in Frankreich staatlich verfügten Hausarrest, den ich als Konsequenz, als vorläufigen Höhepunkt der galoppierenden Atomisierung von Gesellschaft erlebe. Das Virus ist mithin nicht Auslöser sozialer Veränderungen, wie stets dienstfertige Gesellschaftstheoretiker behaupten (behaupten müssen: das ist schließlich ihre Geschäftsgrundlage), sondern – im analog photographischen Sinne des Wortes – deren Entwickler, deren Offenbarer. Und er offenbart auch die fundamentale Ungleichzeitigkeit des vermeintlich Gleichzeitigen in Europa : Die Monadisierung ist am weitesten fortgeschritten in den nordeuropäischen Gesellschaften, in eben den Gesellschaften, die auch im Prozess der Digitalisierung am weitesten fortgeschritten sind und genau darin das Heil sehen : weitest gehende Eliminierung des humanen – und kostenintensiven! - Störfaktors. Dass der Süden Europas am stärksten leidet, entlockte den politisch und wissenschaftlich Verantwortlichen zu Beginn der Krise das gewohnt arrogante Lächeln : da unten, nun ja, aber doch nicht bei uns…

Und dem entsprechend verliefen die Debatten zu den Eurobonds. Dem Norden – dem stets so selbstlosen Holland, dem stets so europäischen Deutschland, dem aller populistischen Versuchung stets abholden Österreich – dem Norden ist der Süden wurscht, er taugt allenfalls für Ballermann oder Sommerferien mit Abendessen in lauschiger Nacht mit ein paar lustigen Italienern, Spaniern, Griechen, Portugiesen, Provenzalen als pittoresken Statisten, die sich, wenn sich der Norden,  wieder zuhause, von Sonnenbrand und Soave, Rioja, Retsina, Vinho verde ausruht, gefälligst um die Sicherung der Außengrenzen Europas kümmern sollen. Es ist bedauerlich, dass die Flüchtlingsboote – ach ja, die gibt’s ja auch noch - nicht in Scheweningen, auf Norderney, Sylt oder Rügen oder bei Gdansk anlegen …

Vom Norden aus gesehen, gehört der Süden nicht so richtig dazu. Ein holländischer Premierminister   maßt sich an, Lateineuropa Lektionen zu erteilen, als habe er, der Vertreter einer Großmacht an artifiziellem und also geschmacklosem, dafür aber kistenkompatiblen Obst und Gemüse es mit einer Bande schwer erziehbarer Kinder zu tun – zu denen seine Landsleute jährlich zu Zehntausenden pilgern, um wenigstens einmal im Jahr anständig zu essen oder den langweiligen, so tugendhaften Besserwissern daheim zu entkommen.

Es ist nicht mein Genre und auch nicht mein Metier, Zukunftsvisionen zu riskieren oder Gesellschaftstheorien zu extemporieren, wie sie zur Zeit noch exponentieller grassieren als das Virus Covid-19. Aber wenn wir es wagen, auf kurze Zeit zu extrapolieren, was wir momentan erleben, dann ist die Chance, Europa den entscheidenden Schub, den entscheidenden Stoß Richtung Zukunft zu verleihen, in  Richtung einer veritablen Integration mit geteilten Risiken und einheitlicher Fiskalpolitik, schon längst und – so fürchte ich – auf Dauer vertan : Es wird kein geeintes Europa geben, das alle Lasten gemeinsam trägt, kein Europa, das wir als gemeinsames Schicksal begreifen. Dafür sorgen Politiker vom Schlage des holländische Premiers, der fleißig Wasser gießt auf die Mühlen der Populisten im Süden. Im Norden werden sie sich weiter für Musterschüler halten und pünktlich am Freitagmittag « Mahlzeit » sagen und in Feierband gehen, während im Süden noch hart gearbeitet wird. Der Norden wird den Süden weiterhin als Sommerfrische wahrnehmen und verlangen, dass dort mit dem Geld, das Herr Schulze bei Giovanni gelassen hat, auch so gewirtschaftet wird, wie sie, die Herren Schulze oder Rütte, sich das vorstellen.

Die Appell von Emmanuel Macron zur Sozialisierung der Lasten prallen seit Monaten schon ab an der Haut einer Mutti, die sich einmal als schwäbische Hausfrau vorstellte, sehr zur Freude und Zufriedenheit ihrer Landsleute, sehr zum Schaden Europas, von dem die schwäbische Hausfrau lebt…

Es wird nicht reichen, danach weiter zu basteln, aber genau das wird passieren, genau das passiert – bis Europa endgültig zerbricht als williges Opfer der Populisten. Und der globalen Finanzmärkte, die dann definitiv stärker sind als die einzelnen Staaten, der Internet- und Virtualisierungskonzerne, die diese Burg, die diese soziale Vision eines kleinen, aber ehedem mächtigen und reichen und vor allem: demokratisch-bürgerrechtlichen Kontinents schon längst sturmreif geschossen haben. Wir werden alle zu gläsernen Konsumenten und willigen Untertanen, jeder geborgen im Komfort seiner kleinen, keim- und virenfreien Blase. Und im Norden werden sie dabei auch noch glücklich sein … Brave new world.

Ich hoffe, dass ich mich irre.

Jürgen Ritte

Jürgen Ritte, geboren 1956, deutsch-französischer Literaturwissenschafter und Übersetzer. Er arbeitet an der Sorbonne Nouvelle Paris.

Jürgen Ritte, born 1956, German-French literary scholar and translator. He works at Sorbonne Nouvelle Paris.

Jürgen Ritte, geboren 1956, deutsch-französischer Literaturwissenschafter und Übersetzer. Er arbeitet an der Sorbonne Nouvelle Paris.

Jürgen Ritte, born 1956, German-French literary scholar and translator. He works at Sorbonne Nouvelle Paris.

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