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Famous and unknown

Leïla Slimani, Nathacha Appanah, Atiq Rahimi … they have all come from the Francophone world and are leading writers in France. In their native countries, however, they are not yet as well known, since often their work has not even been published here. The difficult relationship between France and its former colonies is also reflected in the publishing sector.

It was a politically strong sign that in Frankfurt last autumn not only France, but also the Francophone context, that is, the entire French-speaking world was represented as the guest country at the Book Fair. Among 400 invited writers were also many from the former French colonies in Africa and the Maghreb. The French-Congolese writer Alain Mabanckou made sure as a literary consultant that there was a wide range of Francophone bestselling writers – and they were deservedly in the spotlight. Yet, many writers still face the challenges of finding their audience back in their homelands.

The reasons relate to the tricky and frequently contradictory French colonial history. On the one hand, France invests plenty of money and energy in promoting the book market in the former colonies. On the other hand, many French publishers don’t take their Francophone colleagues seriously. “We are second-class publishers for them,” comments Laila Chaouni, who has managed her publishing company Le Fennec in Casablanca for the past 30 years. “Without their help, I certainly wouldn’t have become a publisher, but they never trusted me whenever I suggested French-speaking writers from Morocco. They prefer to discover them independently because they believe they could do this better from Paris.”

Another factor is that, despite all the progress, the publishing world in the former colonies still cannot keep pace with things in Europe. Often, there is a lack of a consistent book marketing policy both for sales and particularly in bookstores. On the Ivory Coast, there are only about 40 bookshops serving a population of 26 million. The publishers sell their books at book fairs or simply on the street. The book editions are small, generally around 300 to 500 copies, while a book is priced at an equivalent of between three and up to a maximum of ten euros.

Many French publishers, particularly the major ones, are simply not interested in these conditions. Instead of selling licensing rights to a Francophone publishing house, they prefer to offer their books direct to the market, and of course at French prices. For instance, this was the case for the Franco-Moroccan Goncourt prize winner Leïla Slimani. Her novel “Chanson Douce”/“The Perfect Nanny” about the two-tier class society in France, which tells the story of a murderous children’s nanny in Paris, became an international bestseller. However, back in Slimani’s home country Morocco hardly anyone has heard of this book. Instead of offering the novel to a Moroccan publisher, which perhaps would have marketed it as a reasonably priced paperback and sold 20,000 copies, Gallimard preferred to sell 7,000 in-house copies for 22 euros! The price was absurd for local readers. “22 euros, that amounts to 10 % of the average salary in Morocco. So, Slimani will only be read by a minority in our country,” complains Laila Chaouni. “We must explain to the Paris publishing houses that they are not losing market share, if they sell their writers to us. Instead, thanks to our knowledge of the market, they also have the opportunity to introduce them outside France and to a wide readership.”

Nevertheless, it would be too simple to speak of a colonial Franceafrique relationship. Often, the Francophone writers are the ones who prefer to be published in France because they have better publications and professional marketing there. Most writers are often unaware of the publishers in their homeland and they are dreaming – because they write in French – of having their books published by Gallimard, Le Seuil or Grasset.

Yet, one thing doesn’t rule out the other! Many writers are not aware that in their contract with a French publisher, they can secure the rights for their home country. For instance, as Leïla Slimani did for her new bestseller “Sexe et mensonges: La Vie sexuelle au Maroc”. This is how Laila Chaouni’s publishing company can at least circulate this important and honest book for people in her country about sexuality in Morocco. “I would never have achieved that without Slimani’s commitment; it is important for us to heighten writers’ awareness about these legal questions.”

There is still a great deal of educational work to do, so that Francophone writers not only have a voice in France and Frankfurt but also in their home countries. Education and tolerance on both sides.

Translated by Suzanne Kirkbright

 

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Berühmt und unbekannt

Leïla Slimani, Natacha Appanah, Atiq Rahimi… sie alle kommen und aus dem frankophonen Sprachraum und sind Starautoren in Frankreich. In ihrer Heimat allerdings sind sie längst nicht alle bekannt. Denn oft werden sie dort gar nicht verlegt. Das schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien spiegelt sich auch im Verlagsbereich wider.

Es war ein politisch starkes Zeichen, dass vergangenen Herbst in Frankfurt nicht nur Frankreich, sondern die Frankophonie, also der gesamte französische Sprachraum zu Gast auf der Buchmesse war. Unter den 400 geladenen Autoren kamen viele aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs in Schwarzafrika und dem Maghreb. Der franko-kongolesische Autor Alain Mabanckou sorgte als einer der literarischen Berater für ein großes Aufgebot an frankophone Bestsellerautoren – ein wohlverdientes Rampenlicht. Doch haben es viele von ihnen trotzdem schwer, ihr Publikum auch in ihrer Heimat zu finden.

Die Gründe dafür sind mit der heiklen und oft widersprüchlichen französischen Kolonialgeschichte verknüpft. So steckt Frankreich zwar einerseits viel Geld und Energie in die Förderung des Buchmarktes in den ehemaligen Kolonien, andererseits nehmen viele französische Verleger ihre frankophonen Kollegen aber nicht ernst. „Wir sind für sie Verleger zweiter Klasse“, sagt Laila Chaouni, die seit 30 Jahren ihren Verlag Le Fennec in Casablanca leitet. „Ohne ihre Hilfe wäre ich sicher nicht Verlegerin geworden, aber sie haben mir nie vertraut, wenn ich ihnen französischsprachige Autoren aus Marokko vorgeschlagen habe. Die wollen sie lieber selbst entdecken, weil sie meinen, sie könnten das von Paris aus besser“.

Dazu kommt, dass das Verlagswesen in den ehemaligen Kolonien trotz aller Fortschritte noch immer nicht mit dem in Europa mithalten kann. Oft mangelt es an einer konsequenten Buchmarktpolitik, am Vertrieb und vor allem an Buchhandlungen. An der Elfenbeinküste etwa gibt es für 26 Millionen Einwohner nur rund 40 Buchhandlungen. Die Verleger selbst verkaufen ihre Bücher auf Buchmessen oder einfach auf der Straße. Die Auflagen sind niedrig, liegen im Schnitt bei 300 bis 500 Exemplaren und der Preis für ein Buch beträgt zwischen umgerechnet drei bis maximal zehn Euro.

Konditionen, die viele französische Verlage, vor allem die großen, schlicht nicht interessieren. Anstatt die Autorenrechte an einen frankophonen Verlag zu verkaufen, bieten sie die von ihnen verlegten Bücher lieber direkt auf dem Markt an, zu französischen Preisen versteht sich. So wie im Fall der franko-marokkanischen Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani. Ihr Roman „Chanson douce“ über die Zwei-Klassen-Gesellschaft in Frankreich, erzählt an Hand eines mordenden Kindermädchens in Paris, wurde ein internationaler Bestseller. In Slimanis Heimat Marokko jedoch, kennt ihn kaum jemand. Denn, anstatt den Roman einem marokkanischen Verleger anzuvertrauen, der ihn als Taschenbuch zu einem angemessenen Preis vielleicht 20 000 Mal verkauft hätte, hat Gallimard lieber 7000 eigene Exemplare für 22 Euro verkauft! Ein für die einheimischen Leser absurder Preis. „22 Euro, das entspricht 10 % des Durchschnittsgehalts in Marokko. So wird Slimani bei uns nur von einer Minderheit gelesen werden“, beklagt Laila Chaouni. „Wir müssen den Pariser Verlagen erklären, dass sie keinen Markt verlieren, wenn sie ihre Autoren an uns verkaufen, sondern, dass sie so die Möglichkeit haben, dank unserer Marktkenntnis sie auch dort, über Frankreich hinaus, einer breiten Leserschaft bekannt zu machen.“

Von einem kolonialistischen Franceafrique-Verhältnis im Verlagsbereich zu sprechen, wäre dennoch zu einfach. Oft sind es nämlich die frankophonen Autoren selbst, die lieber in Frankreich veröffentlicht werden wollen, weil sie sich dort bessere Auflagen und eine professionellere Vermarktung versprechen. Die meisten wissen oft gar nicht, was es in ihrer Heimat für Verlage gibt und träumen davon, da sie ja auch auf Französisch schreiben, bei Gallimard, Le Seuil oder Grasset verlegt zu werden.

Dabei schließt das Eine das andere nicht aus! Wie viele Autoren nicht wissen können sie sich in ihrem Vertrag mit einem französischen Verlag die Rechte für ihr Heimatland sichern. So wie Leïla Slimani es für ihren neuen Bestseller „Sexe et mensonges: La Vie sexuelle au Maroc“ getan hat. Deshalb kann Laila Chaouni nun zumindest dieses, für ihre Landsleute sehr wichtige, ehrliche Buch über die Sexualität in Marokko in ihrem Verlag veröffentlichen. “Ohne Slimanis Engagement wäre mir das nie gelungen, wir müssen viel mehr Autoren für diese Rechtefragen sensibilisieren.“

Es besteht also noch viel Aufklärungsarbeit, damit frankophone Autoren nicht nur in Frankreich und Frankfurt, sondern auch in ihrer Heimat eine Stimme bekommen. Aufklärung und Toleranz auf beiden Seiten.

 

 

 

 

Katja Petrovic

Katja Petrovic, 1976 in Hamburg geboren, ist freie Radiojournalistin in Paris.

Katja Petrovic, born 1976 in Hamburg, free lancing radio journalist in Paris.

Katja Petrovic, 1976 in Hamburg geboren, ist freie Radiojournalistin in Paris.

Katja Petrovic, born 1976 in Hamburg, free lancing radio journalist in Paris.

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