Europäische Literaturtage 2018 | Tag 3

Aus und vorbei, aber es geht immer weiter!

Es ist Samstag Vormittag und auf Schloß Spitz herrscht, nachdem die ersten Nachwirkungen des vom einen mehr, vom anderen weniger lange in die Nacht hinein genossenen Weines überstanden sind, wieder reges Treiben. Nach zwei spannenden Panels mit internationalen und österreichischen Filmemacherinnen gestern in Krems steht heute das letzte Panel des Europäischen Literaturfestivals an. Der Titel lautet „Das Gesetz der Serie“ und der Saal ist gut gefüllt. Nachdem ein paar einleitende Sätze gesprochen sind, der Moderator einen kurzen Abriss der Entwicklung des Marktes von Serien - im Fernsehen und auf Streaming Portalen - in den letzten 30 Jahren skizziert hat und seinen Vortrag mit einem Ausblick voller Neugierde aber auch mit Fragen an die Zukunft von Unterhaltungsformaten schließt, werden die TeilnehmerInnen des Panels auf die Bühne gebeten: sie sind allesamt als Autorinnen/ Autoren im Fernseh- oder Hörspielbereich tätig und/oder als Romanautorinnen. Ein Fernsehproduzent und die Leiterin des Drehbuchforums Wien haben auch auf dem Podium Platz genommen. Bewusst nenne ich hier nicht alle Namen der Teilnehmenden, weil es zu viele waren, dieser Text soll nicht den Beigeschmack einer Aufzählung bekommen.

Ich will aber verraten, ich war live dabei und es war hochgradig spannend. Es ist schwer, alle Fragen, die aufgeworfen wurden, zu erinnern, aber die wesentlichen waren diese: Wie nützlich und wichtig ist es für eine Autorin/einen Autor, frühzeitig an das zu erreichende Publikum,  – ob nun via Stream oder mit dem guten alten Fernsehgerät, das laut Statistiken zumindest von Jugendlichen immer seltener zum Konsumieren von Unterhaltung eingeschaltet wird, – zu denken? Macht es überhaupt Sinn, an dieses sagenumworbene, die Quote bestimmende, abstrakte Wesen „Publikum/ ZuseherIn" zu denken, während man eine Geschichte kreiert? Oder sagen wir korrekter: wie weit ist es möglich, zu berechnen, zu erahnen, zu wissen, was es sehen will? Schon wieder bietet sich hier an, über künstliche Intelligenz zu schwafeln, die es in diesem Bereich faktisch auch schon gibt. Es ist Realität geworden, dass Unternehmen, die Streaming Dienste anbieten, unsere Klicks auf ihren Seiten, und wie lange wir auf ihnen verweilen, auswerten und die Daten analysieren, Profile erstellen, nach denen es gut und immer besser berechenbar werden soll, was die fünfunddreißig Jährige Unternehmerin schaut und was die junge Mutter, was der fünfzigjährige Geschäftsmann. Was die Städter konsumieren und was die Kunden auf dem Land. Es bietet sich an und ich tue es gerade nicht, weil es den Rahmen sprengen würde.

Die FilmemacherInnen und GeschichtenerzählerInnen auf dem Podium haben sich eingefunden, um über das Erzählen, die Kraft von Erzählungen in all ihren Formen zu diskutieren und nicht über Zahlen und Konsumenten. Es ist unumstritten, dass sich die Erzählformen im letzten Jahrzehnt in einem schwer zu bremsenden Tempo gewandelt haben, und es ist schwer zu übersehen, welches Monopol sich Streaming Dienste à la Netflix und amazon in den letzten Jahren erkämpft haben durch ihre selbst produzierten seriellen Formate. Sowohl im Publikum, als auch auf der Bühne sind die Meinungen zeitweise geteilt: ist diese vermeintlich neue Form, Figuren über eine längere Strecke ihres fiktionalen Lebens zu folgen, eine Modeerscheinung, tiefgründiges, echtes Erzählen oder billige Unterhaltung, die nur den Kick der Konsumenten besser bedient, dass etwas immer weiter geht, immer etwas Neues, Lustiges erzählt wird? Die Frage ist auch immer, auf welche Weise man etwas erzählt und wieviel Zeit man sich für die Erschaffung dieser Welt nimmt. Hier schlittert das Gespräch in einen kurzen Exkurs in die Welt der Daily Soaps. Über sie sei es immer leicht, zu sagen, sie seien inhaltsleer. Sieht man aber genauer hin, gibt es auch hier Dramen, Geschichten, ausgedachte Emotionen, die etwas über das menschliche Sein erzählen sollen und wollen – nur haben die Macher dieser Formate von der Produktion bis zur Regie, bis eben zum Drehbuchautoren, der Drehbuchautorin und den KollegInnen im Writers Room nicht die Zeit, wahnsinnig tiefgründig zu erzählen. Die Art der Produktionsweise verlangt jeden Tag eine neue Folge. Jeden Tag wird eine Folge gedreht, eine geschnitten, eine geplottet, eine in Dialogbuchform ausformuliert... Mich persönlich verwundert es da nicht, dass die Qualität darunter leidet. Was sind nun aber gut erzählte, serielle Geschichten? Gibt es einen großen Unterschied zwischen der Form, der Erzählweise von „Breaking Bad“ oder „The Wire“ und einem epischen Roman wie dem von Nino Haratischwilli (jetzt habe ich doch einen Namen verraten, sie selbst saß auch auf dem Podium) „Das achte Leben - Für Brilka“, der sich über mehr als tausend Seiten erstreckt? Wir hätten auch über Dostojewski und Zola sprechen können. Taten wir aber nicht.

Spannend genug scheinen die Geschehnisse der Gegenwart. Spannend genug scheint es, nicht nur über die aktuellen kulturellen Werke, sondern auch darüber, was diese für die Ökonomie bedeuten, zu sprechen. Über die doch unübersehbare Macht, die erfolgreiche Streaming Anbieter wie Netflix besitzen und sie auch zum Einsatz bringen, zum Beispiel. Bescheidenheit ist ja bekanntlich keine Tugend des Erfolgs. So erzählt ein freundlicher und aufgeschlossener Autorenkollege aus Zagreb, der sich in der momentan wohl noch seltenen Situation in der europäischen Branche befindet, eine Serie als Head Autor an Netflix verkauft zu haben, dass Netflix mit der kroatischen Firma ausgehandelt habe, dass unter der Serie „A Netflix Original“ steht. Und das, obwohl die Serie schon in Kroatien und in weiteren 3 Ländern in Europa (als kroatische Serie) ausgestrahlt worden war. Als man dies als Argumentationspunkt angebracht hatte, hieß es von Seiten des Netflix Unternehmens: „Nicht so tragisch, Netflix erreicht 120 Länder, auf die 3,4 kommt es nicht an.“ Also, sollten die 3 kleinen, osteuropäischen Länder irritiert sein, weil sie das Format doch schon als Original aus Kroatien kannten und eben nicht als Netflix Original, wiege das nicht gerade viel, gegen die über hundert Länder, die die kroatischen Sender und Produktionsfirmen ja nie erreicht hatten mit ihrer (eigenen) Ausstrahlung.

Zum Ende der sehr belebten Gesprächsrunde meldet sich eine Schriftstellerin aus dem Publikum mit der Frage danach, ob dieses serielle Produzieren und eben auch Konsumieren „in Serie“ nicht doch ein wenig fragwürdig sei. Sie könne nicht aus Erfahrung sprechen, weil sie sich zu wenig Serien ansehe, aber ihr Nachwuchs sei vollkommen infiziert von diesem Format und so wurde sie neuerdings von einem ihrer Kinder gefragt: „Ist das wirklich nur EIN Buch, das du immer schreibst.“ (Die Autorin hat schon mehrere Bücher veröffentlicht, aber eben keine zusammenhängenden). So nach dem Motto: „Geht das gar nicht weiter?“ Ihre Kinder seien so von dieser Art und Weise Geschichten zu konsumieren, geprägt, dass sie sich die geschlossene Form einer Erzählung gar nicht mehr vorstellen könnten.

 

Wie so oft in den letzten Tagen endet das Panel nicht mit Schlussfolgerungen oder Antworten, sehr wohl aber mit Fragen, die Lust machen auf noch mehr Auseinandersetzung. Und einig sind sich alle im Raum: neue Formen brauchen immer den Mut derer, die sie erschaffen, um überhaupt in Erscheinung treten zu können. Ohne Mut, ohne die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, werden Wege, die noch nicht betreten wurden, auch nicht betretene bleiben. Und da wo zu viel Kontrolle und Angst herrscht, zu viel im Voraus berechnet werden will, was zu Erfolg führen wird oder nicht, – ob durch den guten alten Quotenmesser oder die Klick Zähler im Internet, – wird vermutlich auch mehr Angst und Stumpfsinnigkeit gezüchtet, statt Ideen zu neuen, überraschenden, in ungeahntem Licht erzählten Geschichten und Figuren ins Leben zu rufen. 

llinca Florian

Ilinca Florian, geb. 1983 in Bukarest, lebt heute in Berlin, ist eine deutschsprachige Schriftstellerin. Sie arbeitete für das Berliner Grips-Theater und ist Regisseurin von Kurz- und Dokumentarfilmen. Im Frühjahr 2018 erschien ihr erster Roman Als wir das Lügen lernten.

»Wer Ilinca Florian liest, weiß: gegen Familie hilft nur Prosa, und gegen den Aberwitz der Zeitgeschichte helfen starke, leise Bilder.«
DANA GRIGORCEA
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