Europäische Literaturtage 2017 | Tag 3

Nach einem themen- und ereignissreichen ersten Tag verläuft der Samstag hier in Spitz zum Glück ein bisschen ruhiger und entspannter, wenn auch nicht weniger spannend.

Bleibt alles anders

Am Vormittag stellen Rüdiger Wischenbart, Massimo Salgaro (Universität Verona), Theresa Schilhab (Universität Aarhus) und Adriaan van der Weel (Universität Leiden) die europäische Forschungsinitiative E-Read vor. Wie verändert sich unser Leseverhalten durch die Digitalisierung? Was lesen wir nun? Wie lesen wir? Verstehen wir Text ganz anders, wenn wir ihn nur noch am Bildschirm und nicht mehr auf Papier lesen? Lesen unsere Enkel bald gar nicht mehr? Werden Bücher aus Papier bald nur noch Relikte einer „bald alten Welt“, um nochmal Robert Menasse zu zitieren? Mit all diesen und noch vielen Fragen mehr beschäftigt sich E-Read. Das Ziel sei, die weit verbreiteten Spekulationen über die Effekte digitalen Lesens durch Fakten, Zahlen und empirische Daten zu ersetzen und die Angst (ah, da ist es wieder, unser Thema) vor allem einer konservativen Kulturelite vor der intellektuellen Apokalypse zu lindern.

Tatsächlich wirkt die Zukunft des Lesens gar nicht so schwarz, wie sie von einigen Traditionalisten immer gezeichnet wird. Wir lesen mehr, schneller und diverser als noch vor 20 Jahren. Allerdings lassen sich sehr deutliche Unterschiede feststellen zwischen den digital Natives, die bereits quasi mit dem Smartphone in der Hand geboren werden, und den digital Immigrants, die sich noch an das gute alte Wählscheibentelefon erinnern und den Umgang mit Touchscreens und E-Readern lernen musste wie einst das Essen mit Messer und Gabel. Die Aufmerksamkeitsspanne beim Lesen wird immer geringer, die Fähigkeit, sich auf ein einziges Thema, eine einzige Geschichte einzulassen und zu konzentrieren, nimmt ab und überhaupt hat das Buch als intellektuelles Prestigeobjekt für die junge Generation an Bedeutung verloren, so behauptet die Studie.

Ob das so stimmt, will man so noch nicht glauben, klingt es bei der sehr lebhaften Publikumsdiskussion durch. Es werden die Vorteile nicht-klassischen Lesens und Lernens betont (zum Beispiel Hörbücher) und auch, dass die Digitalisierung den Zugang zu Wissen und Text demokratischer macht – Stichwort Selfpublishing.

Insgesamt ein faszinierender Vormittag mit der engagiertesten Publikumsdiskussion der letzten Tage.

Der Abend auf dem Schloss bleibt dann lebhaft. Es wird Wein verkostet und Moderator Gerwig Epkes bittet nacheinander fünf wunderbar verschiedene Autoren auf die Bühne.

Den Auftakt macht der Schweizer Arno Camenisch, der seinen Auftritt sichtlich genießt, den literarischen Sunnyboy gibt und beinahe auswendig und freihändig zwei Kurzgeschichten zum Besten gibt. Es geht um menschliche Beziehungen, gestohlene Fernseher und herunter gekommene Eckkneipen. Seine Bücher solle man genießen wie alten Whisky, nicht zu schnell und in kleinen Schlucken. Das Publikum fühlt sich sichtlich bestens unterhalten.

Das angenehm unaufgeregte Kontrastprogramm bildet die Norwegerin Hanne Ørstavik mit ihrer Geschichte über eine Mutter-Sohn-Beziehung. Schnee, Dunkelheit und kein Zusammenkommen – Beklommenheit wie bei David Lynch – all das schimmert schon in diesem kurzen Textausschnitt ihres aktuellen Romans „Liebe“ durch. „I'm not as much fun as my predecessor“ sagt sie beinahe entschuldigend und man denkt: „Zum Glück!“

Als nächstes betritt dann Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo aus Berlin die Bühne. Es geht um London und Berlin, darum, aus welchem Grund man als „Person of Colour“ in England Germanistik studiert, um Heidi, Leberwurst und Magdeburg. Der eindrücklichste Satz, der hängen bleibt aus dem Interview ist wohl: „Ich bin froh, wenn ich als schwarze Person anerkannt werde und nicht verschämt versucht wird, zu umschreiben, welche Farbe meine Haut hat.“ Schön und unverkrampft – so sollte es immer sein in der deutschen Literatur der „People of Colour“.

Dana Grigorcea, die sich als nächstes zu Gerwig Epkes gesellt, hat ebenfalls Spannendes zu berichten – von Tante Johanna, die ihr einst in Bukarest Deutsch beibrachte, von ihrer Mutter, einer studierten Arabistin, die 25 Jahre in Baghdad und Tripolis gelebt und von dort den ersten Farbfernseher importiert hat und darüber, wie ein kleiner Übersetzerlapsus in der rumänischen Fassung ihres Romans eine ganz neue Bedeutungsebene geöffnet hat. Sie liest aus ihrem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ und verzaubert mit ihrer zärtlichen, humorvollen und leidenschaftlichen Prosa den Saal. Sie vermisse Sinnlichkeit im Leben, sagt sie, und deshalb wollte sie einen ganz konsequenten Liebesroman schreiben. Ich sage: Mehr Dana Grigorcea, mehr Sinnlichkeit für jedermann!

Den Abschluss bildet dann Stevan Paul aus Hamburg, der seinen aktuellen Roman „Der große Glander“ vorstellt. Auch hier geht es viel um Sinnlichkeit, diesmal eher eine kulinarische, um schwäbischen Dialekt und Käsebrote. Rezepte aus dem großen Glander dienen dann auch als Inspiration für das Flying Buffet, das im Anschluss an die Lesung gereicht wird. Sinnlich geht es zu Ende, dieser Tag auf Schloss Spitz.

Rasha Khayat

Rasha Khayat, geb. 1978 in Dortmund, ist eine deutsch-arabische Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin. Sie wuchs in Djidda, Saudi-Arabien auf, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Bonn. Seit 2005 lebt sie in Hamburg. Im Frühjahr 2016 erschien ihr erster Roman Weil wir längst woanders sind.

Rasha Khayat, b. 1978 in Dortmund, is a German-Arabic writer, translator and editor. She grew up in Jeddah, Saudi Arabia, and studied comparative literature, German Studies and philosophy in Bonn. Since 2005 she has lived in Hamburg. Her first novel, Weil wir längst woanders sind, was published in spring 2016.

Rasha Khayat, geb. 1978 in Dortmund, ist eine deutsch-arabische Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin. Sie wuchs in Djidda, Saudi-Arabien auf, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Bonn. Seit 2005 lebt sie in Hamburg. Im Frühjahr 2016 erschien ihr erster Roman Weil wir längst woanders sind.

Rasha Khayat, b. 1978 in Dortmund, is a German-Arabic writer, translator and editor. She grew up in Jeddah, Saudi Arabia, and studied comparative literature, German Studies and philosophy in Bonn. Since 2005 she has lived in Hamburg. Her first novel, Weil wir längst woanders sind, was published in spring 2016.

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