Vorwort

Reiserouten. Unterwegs, um frei zu sein?

Wie entsteht die Faszination für Reiserouten, und wie beeinflussen und prägen literarische Werke das Bild dieser Wege? Was symbolisieren historisch gewachsene Reiserouten wie die Seidenstraße, die Balkanroute, die Route 66 oder die Sahara-Route und mit welchen Fragestellungen unserer Gegenwart verbinden wir sie? Was an ihnen ist real, und was imaginiert? Mit welchen Wünschen, Hoffnungen aber auch Befürchtungen des reisenden Menschen sind sie verbunden? Und wie kommt es, dass Reiserouten stets mit männlicher Entdeckerlust assoziiert werden?

Was zeigt und lehrt uns dazu die Literatur, die seit Homers Odyssee mit dem Wunsch nach Bewegungsfreiheit und Erkenntnisgewinn verbunden ist? Warum entscheiden sich Reisende für eine bestimmte Route? Was lehrt sie die Erweiterung ihres Horizonts - ob geographisch, zeitlich oder in sich selbst? Und wie kommt es, dass Reiserouten stets mit männlicher Entdeckerlust assoziiert werden? Gibt es Reiserouten, die auf weibliches Reisen verweisen, und wo sind die Routen abseits der kolonialen Erschließung der Welt?

All diese Fragen verweisen auf eine zentrale und politisch umstrittene Auseinandersetzung unserer Gegenwart, nämlich jener über die Reisefreiheit und damit verbunden über offene und geschlossene Grenzen. Die Einschränkung der Reisefreiheit rückte 2020 erneut ins Zentrum der Debatte über das westliche Selbstverständnis vom freien Leben, als plötzlich nicht nur Menschen auf der Flucht  und Arbeitssuchende, sondern auch die an Wohlstand gewöhnten Mittelschichten von Reisebeschränkungen betroffen waren. Und dies inmitten der ökologischen Katastrophe, die ganz wesentlich vom weltweit ungehemmten und massenweisen Transport von Menschen und Gütern in den letzten Jahrzehnten ausgelöst wurde.

Verweisen geschlossene und offene Grenzen auf eine universelle Grundbefindlichkeit menschlichen Denkens und Fühlens und Strebens? Ist unbehindertes Reisen schlechthin Ausdruck des Wunsches nach grenzenloser Freiheit?

All diese Fragen stellen die Europäischen Literarturtage 2021 an internationale Autor*innen und laden sie zum Dialog und zu einer produktiven Begegnung mit dem interessierten Publikum im Klangraum Krems Minoritenkirche ein.

Wir laden Sie herzlich ein, dabei zu sein!

Walter Grond
Künstlerischer Leiter von Literaturhaus Europa

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