Vorwort

Mehr Wildnis!

Während des Lockdowns im Zuge der COVID-19-Pandemie wurde das Wasser in Venedig klar, und die Luft roch wieder frisch. So jedenfalls lautete eine der ersten Corona-Erzählungen mit einer deutlich positiven Aussicht auf die Möglichkeiten von Veränderungen. Offenbar erholte sich mit dem Rückzug des Menschen die Natur an zahlreichen Orten der Welt, so wie auch vielerorts gegenseitige Hilfe und Mitgefühl mit besonders Gefährdeten feststellbar war.  Gerade in dieser ersten Zeit des Ausnahmezustands rückten Fragen in den Vordergrund, welche die Zukunft unserer Welt betreffen. Ob und wie nachhaltig wird sich nach dem Ende der Massenquarantäne das Verhältnis des Menschen zur Natur verändern? Ob und wie wird die Gesellschaft in Zeiten einer Wirtschaftskrise solidarisch bleiben und Formen gemeinschaftlichen Lebens pflegen? Welche Alternativen zu ökonomischen und sozialen Kriegen gibt es, um Krisen zu bewältigen?
Der verordnete Rückzug machte eine Sehnsucht deutlich, die nicht zufällig auch in der europäischen Literatur der letzten Jahre vermehrt wichtig geworden ist. Unter dem Titel Nature Writing rückten zahlreiche Bücher einen erneuten Blick auf die Natur in den Mittelpunkt, widmeten sich Pflanzen, Tieren, ganzen Ökosystemen und vor allem der Rückbesinnung auf archaische und gemeinschaftsbetonende Modelle menschlichen Zusammenlebens. Kurz gesagt besetzt Nature Writing den Begriff Wildnis positiv und lässt Vorstellungen wiederaufleben, wie sie in der Romantik des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielten.
Spätestens seit Henry David Thoreaus Walden oder Leben in den Wäldern und hundert Jahre später Jack Londons Ruf der Wildnis gab es in der Literatur eine Richtung, die sich explizit der Wildnis zuwandte. Diese Idee ist die einer wilden Natur, vor der sich der Mensch einerseits schützt und die er andererseits aufsucht, um den Auswüchsen der Zivilisation zu entkommen. Die Wildnis bedeutet dabei nicht nur die Aussicht, unberührte Natur nachempfinden zu können, sondern betrifft die literarischen Werke selbst. Deren Lektüre verspricht ein wildes, also ursprüngliches Erleben und intensives Wahrnehmen. Ja, die Wildnis erinnert in diesem Sinn den Menschen an seinen Körper, dessen Begehren und unbekannte Wünsche.
Um die vielen Formen von Wildnis soll es bei den Europäischen Literaturtagen 2020 gehen. Die Erfahrungen während des COVI19-Lockdowns sollen dabei einfließen und damit eine Befindlichkeit hinterfragt werden, die heute viele Menschen verspüren. Die Angst vor Klimawandel, Künstlicher Intelligenz oder vor den Folgen einer Pandemie werden dabei ebenso angesprochen wie die persönlichen Erfahrungen von Menschen, die ein Leben außerhalb unserer extremen Leistungsgesellschaft suchen. Das schließt das Bedürfnis nach Slow down! ebenso ein wie nach Weniger reglementiertes Leben!
Dabei stellt sich die Frage, was Wildnis überhaupt bedeutet: Die Wildnis war einst die Natur, vor der sich der Mensch mit den Bau von Städten zu schützen begann; sie beschränkt sich heute auf eine Reihe von umzäunten Reservaten, die vor dem Zugriff der Technik geschützt werden; und sie ist längst ein Merkmal der Städte, die so riesig und unüberschaubar groß geworden sind, dass in ihnen etwas wie Wildnis vorherrscht. Wildnis macht sich heute in der Stadt ebenso breit wie sie auch verlassene Ruinen der Zivilisation – etwa um den Atemreaktor in Tschernobyl - zurückerobert.
Ist die Wildnis das Gegenteil vom Menschengemachten? Ein Blick auf die ursprüngliche Bedeutung des englischen Wortes human mag weiterhelfen: es stammt von einem Begriff, der einst Erdling bedeutete. Auf die Literatur bezogen: Wann immer sich Erzählungen mit der Beziehung des Menschen zur Natur auseinandersetzten, betraf letztendlich die Frage, was es heißt, Erdling, also Mensch zu sein. Unsere Vorstellung von Wildnis meint das Unbekannte in unserem Inneren ebenso wie das in unserem Körper wie das in der äußeren Realität. Die Faszination eines Romans wie Ruf der Wildnis von Jack London geht von der Selbstverwirklichung eines Menschen aus, der die dunkle Seite der Natur entdeckt, Weisheit und Mitgefühl erfährt und letztendlich Freiheit findet. Das jedenfalls ist das Versprechen jeden großen Abenteuers.
Eine interessante Anregung zum Thema Wildnis und Literatur liefert der Anthropologe und Lyriker Gary Snyder in seinem Buch Lektionen der Wildnis. Er spricht von einer Poesie, die wie das Gehen im offenen Gelände ist, jener ersten Meditation - Snyder nennt sie die ursprüngliche Erfahrung des Menschen, der gehend das Land erkundete und dabei die Magie entdeckte. „Die Welt schaut uns zu“, schreibt er, „es ist nicht möglich, über eine Wiese zu gehen oder einen Wald zu durchqueren, ohne dass sich die Nachricht hiervon in einer Wellenbewegung in alle Richtungen ausbreiten würde“.
Die Wildnis wäre demnach nicht das Entmenschlichte, sie ist das Ganze, sie ist unsere Erde, die alles aufnimmt. Wildnis passt sich an und ist überall. Unsere Körper sind wild, und es gibt mehr in unseren Vorstellungen, Gefühlen und Ideen, die ungebeten daherkommen: Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Halluzinationen, Phantasmen, Begierden.
Das Authentische, Außenstehende, Magische zeichnet viele der besten literarischen Werke aus. Wenn sich die Europäischen Literaturtage 2020 mit Wildnis beschäftigen, dann wollen sie etwas der Angst und auch Angstlust unserer gegenwärtigen Kultur entgegenstellen, wie sie der Philosoph Andreas Urs Sommer ortet, einer Grundstimmung, die fast ausschließlich negativen Nachrichten Aufmerksamkeit schenkt.  Wie denken und schreiben SchriftstellerInnen unserer Gegenwart über die Wildnis? Wie ist Wildnis erlebbar in unserer technischen bestimmten Welt? Um diesen Fragen nachzuspüren, laden die Europäischen Literaturtage 2020 laden eine Reihe von internationalen SchriftstellerInnen dazu ein, über verschiedene Aspekte von Wildnis nachzudenken, aus ihren Werken vorzutragen und darüber mit dem interessierten Publikum in Dialog zu treten.
Wir laden Sie herzlich ein, dabei zu sein!

Walter Grond
Künstlerischer Leiter von Literaturhaus Europa 

 

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