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Wie kapitalintensiv ist Lesen?

In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen “Der Leser. Das Erzählen” (1982) zeichnet Peter Bichsel ein verführerisches Bild des Lesers. Lesende sind subversiv, lautet die Quintessenz, weil sie sich von der Konsumwelt abwenden und eigensinnig in Welten der eigenen Leseerfahrung eintauchen. Lesende sind sich im Moment der Lektüre selbst genug. Folgt man diesem Bichselschen Gedanken, so ist das Lesen eine geradezu asoziale Tätigkeit. Allein, ist das die ganze Wahrheit?

Andernorts wurde Peter Bichsel gefragt, welches Buch er mit auf die einsame Insel nehmen würde. Keines, antwortete er, mit wem sollte er darüber sprechen.

Lesen bewegt sich also zwischen den Polen Abgrenzung und Zuwendung, es ist egoistisch und zugleich gemeinschaftlich. Letzteres wird seit einigen Jahren von zahllosen Lektüreplattformen auf dem Internet aufgefangen. Sie werben damit, dass sie nicht nur Bücher anbieten (oder verkaufen), sondern vor allem auch den Austausch zwischen Lesenden ermöglichen. Mal geschieht das vertieft, wie im Falle von readme.cc, mal oberflächlich wie bei lovelybooks.de und anderen Seiten.

2011 gründeten die beiden Schweden Henrik Berggren und David Kjelkerud in Berlin die Leseplattform Readmill. Mit dem Ziel, ein Lesetool anzubieten und zugleich eine Möglichkeit zu eröffnen, gelesene Texte auf sozialen Netzwerken zu teilen. Drei Jahre später schliesst die Plattform wieder, nachdem Dropbox die Plattform für 8 Millionen aufgekauft hat – aus welchen Gründen immer. Zum Abschied schreiben die Betreiber auf ihrer Seite”we failed to create a sustainable platform for reading“.

Zeitgleich öffnet eine andere Plattform ihren Account: readfy.com . “Deine eBooks jederzeit, überall & kostenlos”, lautet das Credo. Ist die Idee des sozialen Lesens und Tauschens nun tot, oder doch nicht? Was widersprüchlich erscheint, ist im Kern einfach zu verstehen.

readfy bietet eBooks kostenlos an, nimmt sich aber das Recht heraus, die Lektüre mit Werbung zu unterbrechen. “Lass Dich inspirieren und entdecke neue eBooks. Teile Deine Empfehlungen. readfy ist Social Reading!”

Social Reading und Werbung – das lässt die Glocken erklingen. Bereits die dot.com Endung gibt einen ersten Hinweis auf die Funktionsweise solcher Plattformen. Allzu häufig lässt sich beobachten, dass literarische Communities und Editions-Plattformen nach kurzer Zeit wieder schliessen. Editorially macht es gerade mal ein Jahr lang. Warum auch nicht. Es geht bei diesen Webseiten schliesslich nicht ums Lesen oder Schreiben oder Tauschen – auch wenn Henrik Berggren und David Kjelkerud offenbar begeisterte Leser sind -, es geht vielmehr um Daten und User und um den Payback von Investitionskapital. Laut Internetquellen  erhielt readmill 280’000 Euro Startkapital von zwei Risikokapitalgebern. Solches Geld muss innert nützlicher Frist wieder zurückfliessen oder die Sache wird als “failed” zugesperrt. Es geht um Geld, also um User. Die Frage ist nicht, wer das Tool gut und vertieft nutzt, sondern wie lange es dauert, bis die ersten Hunderttausend sich eingeloggt haben, und wie lange bis zur ersten Million. readfy ist prototypisch darauf angelegt. Wenn Lektüre gegen Werbung verkauft wird, kann es nur um Massen von Lesern gehen. Und um entsprechenden Lesestoff. Schwierige literarische Stoffe und Genres bleiben zwangsfäufig auf der Strecke.

Doch Rettung lauert überall: So wie das Internet auf grosse Nutzerzahlen setzt, so eräffnet es zugleich optimale Möglichkeiten füt qualitative Nischen, für literaturaffines Lesen und Schreiben, das sich dem Run auf Klickraten entzieht. Die Zweiteilung der Literatur in Bestseller und Lowseller wird verteift, vielleicht aber sind die Lowseller letztlich doch zäher, weil sie weniger von Risikokapitalgebern abhängig sind.

Beat Mazenauer

Beat Mazenauer, born 1958, Swiss literary critic and networker. He is director of SwissLiterature (http://www.swissliterature.ch).

Beat Mazenauer, geboren 1958, Schweizer Literaturkritiker und -netzwerker. Er ist Leiter des Webportals LiteraturSchweiz (http://www.literaturschweiz.ch).

Beat Mazenauer, born 1958, Swiss literary critic and networker. He is director of SwissLiterature (http://www.swissliterature.ch).

Beat Mazenauer, geboren 1958, Schweizer Literaturkritiker und -netzwerker. Er ist Leiter des Webportals LiteraturSchweiz (http://www.literaturschweiz.ch).

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