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Rainald Goetz: Reactions to the Georg Büchner Prize/ Reaktionen auf den Georg-Büchner-Preis

German-speaking countries have no shortage of literature prizes and scholarships. When sales trends for non-mainstream literature are falling, not rising, such awards are an increasingly important way of providing writers with at least some financial freedom.

Alongside the economic factor, literature prizes also serve to enhance writers’ reputation and to offer them the opportunity to rise to the top of literary feuilleton esteem ratings. As much as the recent media focus has primarily been the long- and/or shortlist of lucrative book fair prizes – the German Book Prize and Leipzig Book Fair Prize – it’s also undisputed that no award can rival the Georg Büchner Prizein terms of esteem and worldwide renown.

To receive this award from the German Academy for Language and Literature is still regarded as an accolade from those within the German literary trade, and as an invitation to the hall of fame for leading contemporary writers. The Darmstadt Academy’s decisions have often aroused controversy. A glance at the list – with interruptions – of prizes awarded since 1923 and today’s 50,000 Euros prize immediately calls to mind writers who were overlooked: Siegfried Lenz, Walter Kempowski and Peter Kurzeck, for example. Simultaneously, one notes that the Academy has repeatedly succeeded in announcing surprises – with honours for outsiders like Albert Drach or Walter Kappacher and very young writers (like Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke or Durs Grünbein) who were granted the rather redoubtable weight of the Büchner Prize.

The decision announced on 8 July to award the Georg Büchner Prize 2015 to Rainald Goetz might have been regarded as an error by very few people. It’s true that the unanimous enthusiasm, which circulated in the German feuilletons immediately after the announcement, leads to the suspicion that by nominating Goetz the critics simultaneously intended to celebrate themselves and their generation. Since Goetz caused a ripple in the duck pond of contemporary literature with his novel “Irre” (“Crazy”, 1983) and his blood-drenched appearance at the Klagenfurt Ingeborg Bachmann Prize, he has been regarded as an avant-garde rebel who embraced new media developments much earlier than others and always knew how to stage his own image brilliantly. That Goetz’ last published works (mainly the 2012 novel “Johann Holtrop” that is treated as a key text) were not aesthetically convincing was hardly a point to dwell on. Those who found Goetz ‘cool’ had to be cool themselves.

A few days later several isolated voices emerged following the Darmstadt announcement (from Andreas Rosenfelder in “Die Welt” or Dirk Knipphals in “tageszeitung”) offering gently mistrustful commentaries about the latest Rainald Goetz hymns. The extent to which literary criticism recently seems intent vociferously to jump on any media bandwagon that happens to be racing past is evident from Volker Weidermann’s example. He recently transferred from the “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” to “Der Spiegel”, and will soon host the forthcoming re-launch of the “Literarisches Quartett” broadcast on Zweites Deutsches Fernsehen. As journalists with long memories soon instantly recalled, Weidermann’s assessment of Goetz’ oeuvre is subject to major fluctuations. In 2012, in the “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” Weidermann wrote on Goetz: “In the meantime, Goetz filled several new books (…) with more and increasingly innovative write-offs of the world that from page to page were becoming more tedious, self-inhibited, small-minded, unworldly, bad and ‘pea-like’ (erbsenhaft)”. In 2015, as a commentary on the Georg Büchner Prize award, Weidermann wrote on “SpiegelOnline”: “Each one of his books, even the weakest, has such a gigantic intensity and power of language as well as a sense for sound and presence and poesy and beauty. Nothing ever has the effect of being preconceived, read off or written down afterwards.”
Rubbing one’s eyes one is inclined to disbelief. Does anyone want to explain these U-turns? It’s no longer surprising that literary criticism is losing influence: Rainald Goetz will be indifferent to that.

Translated by Suzanne Kirkbright

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An Literaturpreisen und Stipendien mangelt es im deutschsprachigen Raum nicht, und wo die Verkaufszahlen im Bereich der nicht allein dem Mainstream verhafteten Literatur eher sinken denn steigen, sind diese Auszeichnungen ein immer wichtig werdendes Hilfsmittel, um Autoren zumindest einen kleinen finanziellen Spielraum zu geben. Neben dem ökonomischen Aspekt dienen Literaturpreise zudem dazu, das Renommee von Autoren zu steigern, sie auf der feuilletonistischen Wertschätzungsskala nach oben klettern zu lassen. So sehr in den vergangenen Jahren die mediale Aufmerksamkeit vor allem den mit Long- und/oder Shortlist angereicherten Buchmessenpreisen – der Deutsche Buchpreis und die Preise der Leipziger Buchmesse gilt, so unstrittig ist es, dass es – was Rang- und Ansehensvermehrung angeht – keine Würdigung mit dem Georg-Büchner-Preis aufzunehmen vermag.

Diesem von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehenen Preis zu erhalten gilt wie ehe und je als Ritterschlag innerhalb des deutschen Literaturbetriebs, als Aufnahme in die Galerie der großen Gegenwartsschriftsteller. Die Entscheidungen der Darmstädter Akademie wurden oft kontrovers diskutiert. Blickt auf die Liste des – mit Unterbrechungen – seit 1923 verliehenen und heute mit 50.000 Euro dotierten Preises, so fallen einem sofort Autoren ein, die übersehen wurden: Siegfried Lenz, Walter Kempowski und Peter Kurzeck zum Beispiel. Und man erkennt gleichzeitig, dass es der Akademie immer wieder gelungen ist, für Überraschungen zu sorgen, Außenseiter wie Albert Drach oder Walter Kappacher zu würdigen und Autoren in sehr jungen Jahren (wie Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke oder Durs Grünbein) die nicht geringe Bürde des Büchner-Preises aufzuladen

Die am 8. Juli verkündete Entscheidung, den Georg-Büchner-Preis 2015 Rainald Goetz zuzuerkennen, dürfte von wenigen als irrig angesehen werden. Die einhellige Begeisterung, die unmittelbar nach der Verkündung die deutschen Feuilletons beherrschte, lässt freilich den Verdacht aufkommen, dass die Kritiker mit Goetz sich selbst und ihre Generation gleichzeitig feiern wollten. Seitdem Goetz mit dem Roman „Irre“ (1983) und seinem blutdurchtränkten Auftritt beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Ententeich der Gegenwartsliteratur aufmischte, galt er als avantgardistischer Rebell, der neue mediale Entwicklungen früher als andere aufgriff und sich selbst stets gut zu inszenieren wusste. Dass Goetz’ zuletzt publizierte Werke (vor allem der gern als Schlüsseltext gelesene Roman „Johann Holtrop“, 2012) ästhetisch nicht zu überzeugen wussten, interessierte dabei kaum. Wer Goetz cool fand, musste selbst cool sein.

Erst ein paar Tage nach der Darmstädter Verkündung kamen vereinzelte Stimmen (von Andreas Rosenfelder in der „Welt“ oder Dirk Knipphals in der „tageszeitung“) auf, die die aktuellen Rainald-Goetz-Hymnen mit leisem Argwohn kommentierten. Wie sehr es der Literaturkritik neuerdings darum zu gehen scheint, sich lautstark auf jenen vorbeirasenden Medienzug zu schwingen, zeigt das Beispiel Volker Weidermann, der vor kurzem von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zum „Spiegel“ wechselte und demnächst dem relaunchten „Literarischen Quartett“ des Zweiten Deutschen Fernsehens vorstehen wird. Wie sich Journalisten mit Langzeitgedächtnis alsbald erinnerten, unterliegen Weidermanns Einschätzung der Goetz’schen Werke großen Schwankungen. 2012 schrieb Weidermann in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über Goetz: „Währenddessen füllte Goetz mehrere neue Bücher (…) mit immer neuen Weltabschreibereien, die von Seite zu Seite immer ermüdender, ichverkrampfter, kleingeistiger, weltloser, böser und erbsenhafter wurden.“ 2015, als Kommentar zur Georg-Büchner-Preisverleihung, schreibt Weidermann auf „SpiegelOnline“: „Jedes seiner Bücher, selbst die schwächsten, sind von einer so gigantischen Intensität und Sprachkraft und einem Sinn für Sound und Gegenwart und Poesie und Schönheit. Nichts wirkt je ausgedacht, abgelesen, hinterhergeschrieben.“

Man reibt sich die Augen, will es nicht glauben und fragt sich, wer diese Kehrtwendungen nachvollziehen will? Dass Literaturkritik immer mehr an Einfluss verliert, verwundert nicht mehr. Rainald Goetz wird es egal sein.

Rainer Moritz

Rainer Moritz, born 1958, German literary critic and writer. He is director of Literaturhaus Hamburg.

Rainer Moritz, geboren 1958, deutscher Literaturkritiker und Autor. Er ist Leiter des Literaturhauses Hamburg.

Rainer Moritz, born 1958, German literary critic and writer. He is director of Literaturhaus Hamburg.

Rainer Moritz, geboren 1958, deutscher Literaturkritiker und Autor. Er ist Leiter des Literaturhauses Hamburg.

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