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Rasende Lektüren!

Der Wille ist stark, allein die Zeit ist kurz. Wer kann schon alles lesen, was er oder sie lesen möchte! Eine neue Technik verspricht nun Rettung: Spritz „Spritz’s mission is to change the way people read and make communication faster, easier, and more effective.“ Nichts weniger als das! Auf der Webseite lässt sich gleich erproben, was unter der neuen Lese-Methode zu verstehen ist.

„Removing eye movement associated with traditional reading methods not only reduces the number of times your eyes move, but also decreases the number of times your eyes pass over words for your brain to understand them. This makes Spritzing extremely efficient, precise, convenient and comfortable.“

Indem ich mich in einem Lauftext auf einen bestimmten Punkt resp. den rot markierten Buchstaben konzentriere (Optimal Recognition Point), kann ich meine Leseleitung wesentlich verbessern. Es ist erstaunlich, aber es klappt. Auf der Webseite lässt es sich in mehreren Sprachen testen, indem ein Lauftext mit gesteigerter Geschwindigkeit über eine Fensterzeile läuft. Mit 200 Wörtern per Minute (wpm) lässt sich ein Text gemütlich lesen, doch gelingt eine Lektüre auf Anhieb auch bei 400 wpm, ja 500 wpm sind möglich.

Das alles ist beeindruckend – womöglich aber auch ein grosses Missverständnis. Es macht den Anschein, die Entwickler haben dies bereits auch bemerkt. Bei einer ersten Ankündigung war auf der Webseite noch die Rede davon, dass mit dieser Technik beispielsweise ein Tolstoi-Roman innert kürzester Frist gelesen werden könne. Oder ein Harry Potter-Buch in 77 Minuten. Solche Hinweise haben die Macher inzwischen von der Seite entfernt.

Das Missverständnis bleibt bestehen, weil es ein altes ist. Auch der viel gerühmte und gelesene Pierre Bayard ist ihm in seinem Buch „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ (2007) erlegen. Ginge es beim literarischen Lesen (notabene) nur um reine Information, so lassen sich Lektüren über Zusammenfassungen, Schnell-Lesen etc. leicht erschliessen. Literarisches Lesen aber ist auch eine Funktion der Zeit: ein Eintauchen in einen Erfahrungs- und Imaginationsraum. Womöglich eine nervenschonende Distanzierung vorm alltäglichen Getriebe, die gerade nicht effizient zu sein braucht. Aus diesem Grund muss man Tolstoi oder Harry Potter erdulden, weil das Leseerlebnis gerade in der Dauer liegt. Wer nicht eintaucht, sollte sich andern Lektüren widmen. Und dann sind da noch komplex verschachtelte Sätze mit Klammern und komplexen Metaphern – da wird es dann schnell sehr sehr schwierig.

Wer wie Bayard literarischen Smalltalk propagiert, braucht nicht zu lesen. Und wer einfach einen sachdienlichen, entsprechend formulierten Text zügig durchackern will, kann das mittels Spritz tun. Alles bestens. Die vertiefte Leseerfahrung bleibt bei beiden aussen vor; und das Textverständnis ist bei der Spritz-Methode wohl nicht ganz so nachhaltig und tief wie es bei weniger effizienter Lesart sein könnte.

Wer übrigens den Spritz-Test machen will, kann sich das Spritzlet :  in die Bookmarks legen und damit beiebige Webseiten schnell durchlesen.