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European Literature Days 2016: Daily Blogs / 4.11.

Nachdem im vergangenen Jahr hier in Spitz von den Ausgewanderten die Rede war –von jenen Autorinnen und Autoren also, die ihre Heimatländer und zumeist auch ihre Sprachräume verlassen haben, um sich anderswo...

Blog vom 4.11.

Der Traum vom Leviathan und die Zäune in den Köpfen.

Nachdem im vergangenen Jahr hier in Spitz von den Ausgewanderten die Rede war –von jenen Autorinnen und Autoren also, die ihre Heimatländer und zumeist auch ihre Sprachräume verlassen haben, um sich anderswo niederzulassen und zu schreiben, was laut Sigrid Löffler eine neue Weltliteratur zur Folge hat, das heißt eine Literatur jenseits nationaler Zuschreibung – hat man diesmal den Gegenschnitt versucht: Die Kolonisten lautet das Thema. Und schon macht sich unter den Teilnehmern eine gewisse Ratlosigkeit breit. Reden wir jetzt darüber, wie die Erste Welt auf die Dritte schaut? Wer sind überhaupt die Kolonisten? Debattieren wir über die Auswirkungen der europäischen Expansionspolitik vor allem des 18. und 19. Jahrhunderts? Über Verbrechen, Schuld und Sühne?

Postkolonialismusdebatten sind erstens ein schon etwas älterer Hut. Und zweitens suggeriert das Präfix Post, dass das eigentliche Übel der Vergangenheit angehöre und es nur mehr um die angemessene Aufarbeitung gehe. In Wirklichkeit hat nur eine Verschiebung stattgefunden: Expansionspolitik wird heute nicht mehr territorial, sondern ökonomisch betrieben, man muss also einen Staat nicht mehr besitzen, um an dessen Ressourcen heranzukommen. Wenn wir heute von Kolonisten sprechen, kann das nur als Metapher gemeint sein. Siedler, die unter dem Schutz einer Regierung Land in Besitz nehmen und die autochthone Bevölkerung für ihre Zwecke einspannen, sind Konzernen gewichen, die im Prinzip dasselbe tun. Der Unterschied ist nur, dass diese Konzerne nicht mehr die Fahne eines Landes in den Boden wuchten und dass es auch nicht mehr darum geht, den Wohlstand eines Kontinents auf Kosten eines anderen zu sichern. Wenn man heute von Kolonisten spricht, meint man die weitgehend unsichtbare Elite der Shareholder, die von den Gewinnen der Konzerne profitieren. Unsichtbar heißt auch unangreifbar – und das macht es schwer, gegenwärtig im literarischen Kontext über Kolonisten zu sprechen. Wer sich schreibend mit den ökonomischen Verhältnissen auseinandersetzt, der hat es einerseits mit sichtbaren Verwüstungen und Verwerfungen zu tun, andererseits mit eigenartig ungreifbaren Machtstrukturen, die sich der Literarisierung entziehen. Man kann diese Strukturen auf wenige Personen herunterbrechen, man kann sie Dämonisieren und sie in Gotham City ansiedeln, doch immer besteht die Gefahr, dass einem nichts weiter gelingt, als die eigene Betroffenheit, Ratlosigkeit oder Wut in Sprache zu fassen. Das ist das Manko einer Literatur, die bloß reagiert, die medial vermittelte Themen aufsaugt und daraus Geschichten macht, die vordergründig aufklärerischen Anspruch haben, in Wirklichkeit aber im Interesse der Verlage und des Handels die Nachfrage des Publikums nach Vereinfachung des Komplexen bedienen. Das ist eine Literatur, die auf die Befindlichkeiten der Ersten Welt zugeschnitten ist, die Schuld- oder Ohnmachtsgefühle bedient und vor allem auf ökonomische und politische Eliten verweist, auf die man keinen Einfluss hat. Was früher einmal König Leopold II von Belgien gewesen ist, heißt jetzt eben Nestlé.

Zu den frustrierenden Erfahrungen, die ein Schriftsteller machen kann, gehört seine Machtlosigkeit. Das verbindet Robert Menasse mit Hans-Christoph Buch. Intellektuelle Brillanz zerschellt an der Ignoranz der Macht. Immer. Denn Macht verträgt sich nicht mit Zweifel. Der aber ist ein wesentlicher Grundstoff von Intellektualität. Menasse und Buch haben große Auftritte zu Beginn der Europäischen Literaturtage – und demonstrieren auf je unterschiedliche Weise das Scheitern der Denkenden angesichts des brutalen Pragmatismus der Machteliten.

Gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot diskutiert Menasse im Klangraum Krems über die Europäische Republik. Das heißt: über die Auflösung der Nationalstaaten in einem großen Staat mit einheitlicher Sicherheits-, Finanz- und Sozialpolitik, zugleich aber mit größtmöglicher Autonomie der Regionen. Good Governance im Geiste von Thomas Hobbes‘ Leviathan ist kein schlechter Gegenentwurf zur gegenwärtigen Praxis innerhalb der Europäischen Union, kurzsichtige Klientelpolitik zu betreiben und Gemeinsamkeit ausschließlich ökonomisch zu definieren. Ein Privileg von Schriftstellern und Politikwissenschaftlerinnen ist es, Visionen zu formulieren. Robert Menasse jedenfalls weiß aber auch, dass derlei Formulierungen zwar seinen Lebensunterhalt sichern, dass ihm aber zugleich nichts anderes gelingt, als Gleichgesinnte anzusprechen. Es ist ein verdammtes Diskursghetto, das im Kontext der Europäischen Literaturtage umso mehr als ein solches wahrgenommen werden muss, als es ja um globale Zusammenhänge geht: Wir Kolonisten und die anderen, die Unterentwickelten, wie es im Eröffnungsvortrag von Hans-Christoph Buch bewusst politisch unkorrekt heißt. Während es also in Menasses und Guérots Dialog ausschließlich um die europäische Befindlichkeit geht und der Rest der Welt außen vor gelassen wird, beschreibt Buch, wie es da draußen zugeht, in Haiti etwa, auf Kuba, in Nigeria, in Ruanda. Im Gegensatz zu den beiden beredten Visionären und good-governance-Propagandisten schüttet Buch vor seinem Publikum die ganze Infamie karibischer und afrikanischer Diktatoren aus – nicht ohne bildhafter Schilderung von Menschenabschlachtungen, deren Zeuge er gewesen ist. Oder er schildert einen Besuch des deutschen Außenministers Steinmeier in Nigeria als Lehrstück symbolischer Politik mit tragikomischen Elementen. Das hat einen gewissen Unterhaltungswert und man wird wieder einmal darauf aufmerksam gemacht, wohin menschliche Niedertracht führen kann, vor allem dann, wenn Europa wegschaut. Viel ist das nicht und man wird den Eindruck nicht los, dass, wem die europäischen Verhältnisse zu langweilig sind, sich ins Elend der Dritten Welt vertieft, um dem Bösen Gestalt zu geben.

Mit anderen Worten: wenn wir auch noch so ambitioniert eine neue Weltliteratur heraufbeschwören, eine internationale Literatur, eine Literatur der aufgelösten Grenzen, haben wir Europäer die alten Dichotomien nicht aus unseren Köpfen verbannt: wir, die Zivilisierten, und all die anderen. Die aus Zimbabwe stammende Schriftstellerin und Juristin Petina Gappah hat ihr Unbehagen auf den Punkt gebracht: erst in Europa ist sie zur Afrikanerin geworden (zuhause hat sie sich bestenfalls mit ihrem Land oder ihrer Sprache identifiziert). Als Afrikanerin ist sie abwechselnd zum Opfer (die fürchterlichen Verhältnisse) oder zur Täterin (Drogenhandel) geworden. Und wenn sie sich zu Fragen des europäischen Rechts äußert (sie hat in Graz ihr Doktorat gemacht), weist man sie darauf hin, dass sie sich um ihren Kontinent kümmern soll. In Europa sind die Zäune noch lange unüberwindbar.

 

Blog dated 4.11. (Translated by Suzanne Kirkbright)

The Dream of Leviathan and Fences in the Minds

Last year, here in Spitz discussions revolved around the theme of the migrants – those writers who have left their homelands and mostly also their native language regions in order to settle down and carry on writing elsewhere. In Sigrid Löffler’s view, the outcome is a new world literature, or literature beyond national allegiance. This year we attempt to cut back to the topic of the colonizers. Already, an air of perplexity spreads among the delegates. Are we now talking about how the First World views the Third? Who are the colonizers anyway? Are we debating the effects of European expansion policy above all in the 18th and 19th centuries? About crimes, guilt and redemption?

Post-colonialism debates are already rather old hat for one thing. And for another, the ‘post’ prefix suggests that the real misery is confined to the past, and now we’re only dealing with the appropriate way to come to terms with it. Actually, only an adjustment has taken place: today, expansion policy is no longer practised territorially, but economically. So state ownership is no longer necessary to gain access to its resources. Nowadays, if we talk about colonizers then this can only be meant as a metaphor. Settlers, who take ownership of land under the protection of a government and rely on the indigenous population for their own ends, have made way for corporate groups that basically do the same. The only difference is that these organizations no longer balance the flag of a single country in the ground, and that it’s also no longer about securing the prosperity of one continent at the expense of another. Nowadays, when we refer to the colonizers we mean the largely invisible elite group of shareholders who profit from the surpluses of major corporate enterprises. Invisible also means unassailable – and that makes it difficult to talk in the present literary context about colonizers. Those who endeavour to analyze the economic conditions by turning to writing are faced, on the one hand, with visible chaos and distortions, and on the other with curiously incomprehensible power structures that withdraw from literarization. One can break down these structures to a small number of people; one can demonize them and situate them in Gotham City. However, there is always the risk that the only thing one manages to verbally articulate is one’s own sense of personal dismay, helplessness or anger. That is the shortcoming of literature that merely reacts and absorbs themes presented by the media to make them into stories, which primarily have an educational appeal, yet in reality in the interest of publishers and the literary trade serve the public’s demand for simplifying complex issues. That is literature tailored to the sensitivities of the First World that uses feelings of guilt or powerlessness and primarily defers to economic and political elites over which one has no influence. What King Leopold II of Belgium once represented is now simply called Nestlé.

Among some of the frustrating experiences for a writer are his powerlessness. This unites Robert Menasse and Hans-Christoph Buch. Intellectual brilliance is shattered at the ignorance of power. Always. Because power is not compatible with doubt. Yet, this is a quintessential element of intellectualism. Menasse and Buch have star appearances to launch the European Literature Days – and in their particular way they each demonstrate the foundering of the thinkers in face of the brutal pragmatism of the power elites.

Menasse discusses the European Republic accompanied by the political scientist Ulrike Guérot in the Klangraum Krems. In other words, the focus is on dissolving the nation states into one large state with a common security, finance and social policy and, at the same time, with the greatest possible autonomy of the regions. Good governance in the spirit of Thomas Hobbes’ Leviathan is not a bad competing blueprint for the current practice inside the European Union of adopting short-term policies of political patronage and exclusively defining commonality in economic terms. One privilege of writers and political scientists is to formulate visions. Robert Menasse at least also knows that these kinds of formulations may guarantee his livelihood, yet simultaneously that he only succeeds in appealing to like-minded individuals. It is a damned discourse ghetto, which ought to be perceived even more so in the context of the European Literature Days, given that the debate is about global contexts: we colonizers and the others, the Underdeveloped, as Hans-Christoph Buch consciously calls it in his opening talk in a politically incorrect style.

While Menasse’s and Guérot’s dialogue exclusively concentrates on European sensitivity and the rest of the world is left out, Buch describes what things are like outside, for instance, in Haiti, on Cuba, in Nigeria and in Rwanda. In contrast to the two eloquent visionaries and good-governance advocates, Buch pours out in front of his audience the whole infamy of Caribbean and African dictators – not without some of his vivid eye-witness accounts of the slaughter of human beings. Alternatively, he describes a visit to Nigeria by Germany’s Minister for Foreign Affairs, Mr Steinmeier, as a lesson in symbolic politics with tragicomical elements. There is some certain entertainment value here, and one’s attention is again drawn to where human baseness can lead especially when Europe looks away. That is not much and one cannot get rid of the impression that anybody who is bored with European affairs can look more intensely at the misery of the Third World to give shape to evil.

To put this another way, when we are still so ambitious as to conjure up the idea of a new world literature, an international literature, or literature of dissolved borders, we Europeans have not banished the old dichotomies from our minds: we, the civilised people, and all the others. The Zimbabwean writer and lawyer Petina Gappah came to the heart of her unease: she only became an African in Europe (back home she identified at best with her country or her language). As an African she switched from becoming a victim (of the terrible conditions) or a perpetrator (drug dealing). Whenever she expresses an opinion on issues of European law (she qualified for her doctorate in Graz), she is reminded that she should look after her continent. In Europe, the fences are going to be insurmountable for some time ahead.

Peter Zimmermann

Peter Zimmermann, 1961 geboren, ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Er arbeitet für den ORF.

Peter Zimmermann, born 1961, is an Austrian writer and journalist. He works for the Austrian broadcasting corporation (ORF).

Peter Zimmermann, 1961 geboren, ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Er arbeitet für den ORF.

Peter Zimmermann, born 1961, is an Austrian writer and journalist. He works for the Austrian broadcasting corporation (ORF).

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