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Europäische Literaturtage 2017 | Eröffnungstag

Ein Gespenst geht um in der Welt – „Angst“ lautet das Thema der diesjährigen Europäischen Literaturtage, die am Donnerstag Abend in der Minoritenkirche in Krems eröffnet wurden.

Eine bald alte Welt, oder zwei Grad bis zur Revolution

Pessimistisch mutete sie auf den ersten Blick an, die Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Europäischen Literaturtage. Zu aktuell, möchte man meinen, zu nah dran an uns selbst und zu unmittelbar spüren wir derzeit Angst und Ängste – Kriege, Terror, Rechtsruck, Menschenrechtsverletzungen sind für uns längst Alltag geworden. Eine beispiellos friedliche Epoche vor allem in Europa scheint längst zu Ende, und wie in jeder Psychotherapie muss sich der Patient nun endlich seinen Ängsten stellen, wenn er an ihnen nicht zugrunde gehen will. Eine Gesellschaft, die sich immer weiter der Intolleranz zuwendet, beschreibt Festivalleiter Walter Grond in seiner Eröffnungsrede, und betont die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung, in der auch Empathie und Mitgefühl eine Rolle spielen müsse. Literatur, so betont Landesrätin Barbara Schwarz anschließend in ihrem Grußwort, habe schon immer Ängste benannt und Impulse für Veränderungen geliefert.

In diesem Sinne fanden sich dann auch mit dem diesjährigen Träger des Deutschen Buchpreises Robert Menasse und dem Historiker, Schriftsteller und Philosophen Philipp Blom gleichermaßen zwei Zeitgeistanalytiker und Gegenwartstherapeuten zum Gespräch auf der Bühne zusammen. „Die Welt aus den Angeln“ heißt das Buch von Philipp Blom, in dem er die Geschichte der Kleinen Eiszeit (1570-1700) nachzeichnet, einen Bogen in unsere heutige Welt schlägt und erklärt, wie der Klimawandel zum Ende der Gesellschaft, wie wir sie kennen, beitragen wird.

Ganze zwei Grad habe sich die Welt während der Kleinen Eiszeit abgekühlt – was folgte: Veränderungen in der Landwirtschaft, der Aufstieg der Bürgertums, Merkantilismus und schließlich die Konstituierung und Grundsteinlegung der Welt, in die wir Menschen des 20. Jahrhunderts noch hinein geboren wurden. Zwei Grad zur Revolution.

Und heute? Das Weltklima erwärmt sich, die zwei Grad, so sagt Blom, haben wir wohl längst überschritten, dennoch bleibt der Klimawandel für die Politik von eher geringem Interesse. Man führe ganze Wahlkämpfe, ohne die Gefahren der Klimaveränderungen auch nur zu erwähnen, so Menasse und fragt: Führt die Erderwärmung zum Ende der bürgerlichen Gesellschaft? Was passiert, wenn wir, die wir bereits damit zu kämpfen haben, geflüchtete Menschen aus Kriegs- und Kriesengebieten aufzunehmen und zu akzeptieren, es auch noch mit Klimaflüchtlingen zu tun bekommen? Wenn Millionen von Menschen vor Dürre fliehen werden?

Das können wir noch nicht wissen, konstatiert Blom und stellt uns vor die Wahl – wollen wir die Veränderung nur erleiden, oder mitgestalten.

Wie genau soll das aussehen? Entscheiden wir uns dafür, die „Festung Europa“ nur noch undurchlässiger zu machen und unsere Menschenrechte – immerhin Errungenschaft und Resultat auch der Kleinen Eiszeit – dranzugeben zugunsten eines Zweiklassenmenschenrechts und der Entziehung einer gesellschaftlichen moralischen Grundlage? Oder schaffen wir die Kehrtwende noch, hin zu einer pluralistischen Gesellschaft mit „pragmatischer Toleranz“, schaffen wir es, das Potenzial aus der Krise zu schöpfen und als eine bessere Gesellschaft hervor zu gehen.

Philipp Blom wirkt noch unentschieden, noch seien wir wohl zu bequem und der Gedanke an Veränderung mache uns – natürlich – zu viel Angst. Eine Gesellschaft, die keine Zukunft will, sondern nur eine Verlängerung der Normalität, so sieht er uns heute.

Nach sechzig Minuten Gespräch dürfte auch dem letzten Besucher klar sein, dass es längst fünf vor zwölf, beziehungsweise ein paar Grad zu warm geworden ist und dringender Handlungsbedarf besteht, sodass unsere bald alte Welt, wie Menasse sie nennt, sich erfolgreich neu erfinden kann.

Ursache und Wirkung von Angst und Ängsten sind kaum zu trennen, oft ineinander verwoben. Und wenn das Gespräch zwischen Menasse und Blom als Indikator für die kommenden Tage in Spitz gelten kann, versprechen es gute, impulsreiche Tage zu werden, an deren Ende wir vielleicht alle gleichermaßen ängstlich wie hoffnungsvoll, vielleicht sogar mit ein bisschen Tatendrang wieder nach Hause fahren. 

Rasha Khayat

Rasha Khayat, geb. 1978 in Dortmund, ist eine deutsch-arabische Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin. Sie wuchs in Djidda, Saudi-Arabien auf, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Bonn. Seit 2005 lebt sie in Hamburg. Im Frühjahr 2016 erschien ihr erster Roman Weil wir längst woanders sind.

Rasha Khayat, b. 1978 in Dortmund, is a German-Arabic writer, translator and editor. She grew up in Jeddah, Saudi Arabia, and studied comparative literature, German Studies and philosophy in Bonn. Since 2005 she has lived in Hamburg. Her first novel, Weil wir längst woanders sind, was published in spring 2016.

Rasha Khayat, geb. 1978 in Dortmund, ist eine deutsch-arabische Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin. Sie wuchs in Djidda, Saudi-Arabien auf, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Bonn. Seit 2005 lebt sie in Hamburg. Im Frühjahr 2016 erschien ihr erster Roman Weil wir längst woanders sind.

Rasha Khayat, b. 1978 in Dortmund, is a German-Arabic writer, translator and editor. She grew up in Jeddah, Saudi Arabia, and studied comparative literature, German Studies and philosophy in Bonn. Since 2005 she has lived in Hamburg. Her first novel, Weil wir längst woanders sind, was published in spring 2016.

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