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Anticipating the Leipzig Book Fair/ Vor der Leipziger Buchmesse

When the Leipzig Trade Fair’s impressive Glass Hall was officially opened in the mid-1990s, it was in the stars what this investment would mean for the Leipzig Book Fair.

Leipzig, “the city of the book” with a long tradition, was to gain a future, and it seemed unthinkable that of all book fairs the death bell should toll for this one. It looked for a long while as if the oath of allegiance to the traditional book city of Leipzig was barely more than lip service. Many West German publishers – mainly because of the costs – didn’t want to see why there should be a second book trade show alongside Germany’s international autumn fair in Frankfurt. Plenty of people with no stake in the Leipzig event readily conceded off the record that they could easily live without the Leipzig Book Fair.

Now, twenty years on, Leipzig hardly plays an ongoing role as a publishing city, yet no one doubts any longer the continuation of Saxony’s spring event. That said, the big licence deals aren’t concluded at the Leipzig fair – and they probably never will be. But the organizers have clearly succeeded in turning the fair into a counterplayer to its exuberant and hectic Frankfurt opposite number. Leipzig is the public’s Number One and a favourite for many booksellers and writers. Leipzig is the fair of short walking distances and the opportunity for sharing ideas in relative calm about book projects and trading strategies.

And beaming over everything are the abundant events advertised under the slogan “Leipzig reads”. Hundreds of readings are scheduled in just four days, and it’s always amazing how popular this line-up proves. Another part of the Leipzig success story is the Leipzig Book Fair Prize awarded since 2005 in the Glass Hall on day one, as the hustle and bustle of the event carries on. Forgotten are the early days of award ceremonies in Leipzig for the most diverse and usually embarrassing prizes and embellished with the television ballet of Mitteldeutscher Rundfunk or a singer interpreting Nana Mouskouri’s “Song of Joy”.

In the meantime, the Leipzig Book Fair Prize is among the most highly respected book awards in the German language. Although it cannot compete with the (economic) significance of the German Book Prize, which is presented in autumn shortly before the Frankfurt Book Fair, nonetheless it enjoys an excellent reputation in the trade as well as among publishers and writers. The unique thing about the prize is that the seven-strong jury each introduces a shortlist of five books in three categories – fiction, non-fiction/essay and translation. Furthermore, the jury takes some pleasure in making up for the Frankfurt book prize jury’s supposed oversights for the first category and resubmitting any omitted titles from the previous autumn.

This year’s shortlisted fiction features the following titles chosen from 405 nominations: Ursula Ackrill (“Zeiten, im Januar”, Verlag Klaus Wagenbach), Teresa Präauer (“Johnny und Jean”, Wallstein Verlag), Norbert Scheuer (“Die Sprache der Vögel”, Verlag C. H. Beck), Jan Wagner (“Regentonnenvariationen”, Hanser Berlin) und Michael Wildenhain (“Das Lächeln der Alligatoren”, Klett-Cotta Verlag). The titles by Teresa Präauer and Jan Wagner are two shortlisted books from autumn 2014; and Wagner’s nomination is a real coup for the Leipzig jury, as it’s the first time a work of poetry has been put forward for the Leipzig Book Fair Prize.

Since exceptional German-language fiction was certainly not oversupplied in spring 2015, we are left wondering why the jury didn’t also later nominate one of the autumn 2014 novels, which the jury puzzlingly left off the long list for the German Book Prize: namely, Michael Kleeberg’s “Vaterjahre”. There doesn’t seem to be a clear favourite among the five works. Norbert Scheuer’s chances ought to be good, and the same goes for newcomer Ursula Ackrill, who lives in Nottingham, and whose Siebenbürgen novel “Zeiden, im Januar” was among the big surprises this spring.

Yet regardless of who receives the literary accolades, at times when it’s commonplace to rationalize the real and imagined crises in the book market and literary criticism, the Leipzig Book Fair is a vital forum for an unsettled book industry. Besides, it is also a traditional and heartening appeal to concentrate on content and the authors who are associated with it.

Translated by Suzanne Kirkbright

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Als der imposante Glaspalast der Leipziger Messe Mitte der 1990er-Jahre eingeweiht wurde, stand es in den Sternen, was diese Investition für das Fortbestehen der Leipziger Buchmesse bedeuten würde. Die traditionsreiche „Buchstadt“ Leipzig sollte eine Zukunft bekommen, und es schien undenkbar, dass ausgerechnet für die Buchmesse das Totenglöcklein schlagen sollte. Lange Zeit sah es so aus, als sei der Treueschwur für den Buchstandort Leipzig kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. Viele westdeutsche Verleger wollten – vor allem aus Kostengründen – nicht einsehen, warum es in Deutschland neben der international ausgerichteten Herbstmesse in Frankfurt eine zweite Bücherschau geben müsse. Hinter vorgehaltener Hand räumten nicht wenige, die in Leipzig keine Aktien im Spiel hatten, sofort ein, dass man mit einem Verzicht auf die Leipziger Buchmesse gut leben könne.

Heute, zwanzig Jahre später, spielt Leipzig zwar als Verlagsstadt kaum noch eine Rolle, doch niemand zieht mehr die Existenz des sächsischen Frühjahrsereignisses in Zweifel. Gewiss, eine Messe der großen Lizenzabschlüsse ist Leipzig bis heute nicht und wird es wohl auch nie werden. Doch es ist den Veranstaltern fraglos gelungen, die Messe zu einem Gegengewicht zum überbordenden, hektischen Frankfurter Pendant werden zu lassen. Leipzig ist der Liebling des Publikums, vieler Buchhändler und Autoren. Leipzig ist die Messe der kurzen Wege und der Möglichkeit, sich über Buchprojekte und Handelsstrategien in Ruhe auszutauschen.
Über allem strahlt die Fülle der Veranstaltungen, die unter dem Label „Leipzig liest“ gebündelt werden. Hunderte von Lesungen reihen sich innerhalb von vier Tagen aneinander, und es verblüfft immer wieder, welche große Resonanz diese finden. Zur Leipziger Erfolgsgeschichte gehört auch der Preis der Leipziger Buchmesse, der seit dem Jahr 2005 jeweils am ersten Messetag in der Glashalle – mitten im Trubel des Geschehens – verliehen wird. Vergessen sind die Anfänge, als man in Leipzig die unterschiedlichsten, meist peinlichen Preise verlieh und die Zeremonien mit dem Fernsehballett des Mitteldeutschen Rundfunks oder einer „Song of Joy“ interpretierenden Nana Mouskouri garnierte.

Inzwischen zählt der Preis der Leipziger Buchmesse zu den angesehensten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Mit der (ökonomischen) Bedeutung des Deutschen Buchpreis, der im Herbst kurz vor der Frankfurter Buchmesse verliehen wird, vermag er es zwar nicht aufzunehmen, doch er genießt sowohl im Buchhandel als auch bei Verlagen und Autoren beträchtliches Renommee. Seine Besonderheit besteht darin, dass die siebenköpfige Jury jeweils eine Fünfer-Shortlist in drei Kategorien – Belletristik, Sachbuch/Essayistik, Übersetzung – präsentiert und in der ersten Sparte gern die Möglichkeit nutzt, vermeintliche Versäumnisse der Frankfurter Buchpreisjury wettzumachen und übersehene Titel des vorangegangenen Herbstes zu nachzureichen.

Auf der diesjährigen Shortlist Belletristik stehen folgende Titel, die aus 405 Nominierungen ausgewählt wurden: Ursula Ackrill („Zeiten, im Januar“, Verlag Klaus Wagenbach, Teresa Präauer („Johnny und Jean“, Wallstein Verlag), Norbert Scheuer („Die Sprache der Vögel“, Verlag C. H. Beck), Jan Wagner („Regentonnenvariationen“, Hanser Berlin) und Michael Wildenhain („Das Lächeln der Alligatoren“, Klett-Cotta Verlag). Mit den Büchern von Präauer und Wagner stehen zwei Titel aus dem Herbst 2014 auf der Liste, wobei der Jury mit der Nominierung Wagners ein besonderer Coup gelungen ist: Erstmals wurde ein Lyrikband für den Preis der Leipziger Buchmesse vorgeschlagen.

Da das Angebot an herausragender deutschsprachiger Belletristik im Frühjahr 2015 sicher nicht zu groß war, mag man sich darüber wundern, dass die Jury einen der großen, auf der Longlist des Deutschen Buchpreises rätselhafterweise fehlenden Roman des Herbstes 2014 nicht ebenfalls nachnominierte: Michael Kleebergs „Vaterjahre“. Einen ausgemachten Favoriten scheint es unter den fünf Werken nicht zu geben. Norbert Scheuer dürfte gute Chancen besitzen, ebenso wie die in Nottingham lebende Debütantin Ursula Ackrill, die mit ihrem Siebenbürgen-Roman „Zeiden, im Januar“ zu den großen Überraschungen des Frühjahrs zählt.
Wer auch immer die Preise erhalten wird, die Leipziger Messe selbst ist in Zeiten, da allenthalben über reale und eingebildete Krisen des Buchmarktes und der Literaturkritik räsoniert wird, ein wichtiges Forum einer verunsicherten Branche und ein ganz altmodischer, wohltuender Appell, sich auf Inhalte und deren Verfasser zu konzentrieren.

Rainer Moritz

Rainer Moritz, geboren 1958, deutscher Literaturkritiker und Autor. Er ist Leiter des Literaturhauses Hamburg.

Rainer Moritz, born 1958, German literary critic and writer. He is director of Literaturhaus Hamburg.

Rainer Moritz, geboren 1958, deutscher Literaturkritiker und Autor. Er ist Leiter des Literaturhauses Hamburg.

Rainer Moritz, born 1958, German literary critic and writer. He is director of Literaturhaus Hamburg.

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